Ordinary Creatures, Andrey Arnold, die Presse,  18.05.2021 

Roadmovie - Bei diesem Austrofilm sitzt Jim Jarmusch am Steuer

 In Thomas Marschalls schönem Spielfilmdebüt „Ordinary Creatures“ gondelt ein Paar entspannt durch die heimische Pampa, debattiert über Gott und die Welt – und trifft allerlei schrullige Exemplare der Gattung Mensch. Eine kurzweilige Spritztour mit Tiefgang, Schmäh und Zen.

 Funken stieben gen Nachthimmel, ein Schneck schnabuliert Gemüse in Großaufnahme. Glocken läuten, eine steinerne Heiligenstatue stiert wolkenwärts. Schon die ersten Einstellungen von Thomas Marschalls „Ordinary Creatures“ machen klar, dass dieser Film dem Seltsamen, Schönen und Sprunghaften zugetan ist, den kleinen Momenten und großen Gedanken. Dabei handelt es sich auf dem Papier um ein ganz gewöhnliches Roadmovie.

 Ein Paar gondelt in einem alten roten Volvo durch die bewaldete Pampa zwischen Niederösterreich und Tschechien. Sie (Anna Mendelssohn): passioniert, naturverbunden, weltoffen. Er (Joep van der Geest): verschmitzt, pragmatisch, unsicher. Die beiden streiten und lieben sich, überfahren einen Hund und verdrängen die G'schicht, klauben schrullige Beifahrer auf, picknicken auf dem Wiesenteppich, schlafen im Wagen. Vielmehr an Handlung steckt nicht in den kurzweiligen 75 Minuten dieses verträumten und zurückgelehnten Kleinods, und das ist auch gut so. Die besten Reisefilme sind schließlich immer die ohne klares Ziel: Dann bleibt mehr Zeit für Zwischenstationen, Überraschungen, Begegnungen – mit einem mürrischen Mechaniker (Robert Slivovski), einem dionysischen Junghippie (Lynne Rey), einer schmähstaden Kellnerin (Filmemacherin Angela Christlieb). Dann passiert immer alles und nichts.

 Fühlt sich gar nicht österreichisch an

 „Ordinary Creatures“ ist ein österreichischer Film, fühlt sich aber nicht so an: Alle Figuren sprechen Englisch, oft mit charmantem Akzent. Die surreal angedudelte Stimmung erinnert an die lässigen Pikaresken Jim Jarmuschs. Auch hier verleiht Musik einer markant fotografierten Irrfahrt emotionalen Halt, übernimmt immer wieder das Steuer. Und vielleicht ist alles nur eine Allegorie, das Protagonistenpärchen ein Archetypenduo. Der Mann, der weiß, wie man Kratzer im Autolack mit Zahnpasta kaschiert, aber nervös wird, wenn seine Partnerin von Schwangerschaft spricht – und heimlich zum Gebet die Hände faltet. Die Frau, die sich um die Zukunft des Planeten Sorgen macht, die resolut und zärtlich bestimmt, wo es langgeht – sich aber nicht für eine Nachspeise entscheiden kann. Ein bisschen altbacken, dieser Geschlechterdualismus, aber gut gespielt und durchaus glaubwürdig.

 Auch sonst geht es bisweilen symbolisch zu: Ein grimmiger (und trotzdem sympathischer) Verfolger kündet von Schuld und Tod, Naturaufnahmen gemahnen an das Tier im Menschen und die Willenskraft der Biosphäre, der Dialog der Reisenden verhandelt stets auch Grundsatzfragen. Regisseur Marschall studierte neben Film Anthropologie und Philosophie, drehte zuvor schon Dokumentarisches in Brasilien.

 Mit „Ordinary Creatures“ legt er ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt vor, das in keine der hierzulande üblichen Schubladen passt. Am ehesten verortet man es neben eigenwilligen, unabhängigen Kunstfilmen wie Ludwig Wüsts „Aufbruch“ (2018). Wobei Marschalls Odyssee etwas publikumsfreundlicher ausfällt – und mit seinem sommerlichen Spritztourflair perfekt zu diesen vorfreudigen Öffnungstagen passt. So können auch Gastgartenmuffel die Sonne genießen, direkt im geliebten dunklen Saal.

ROADMOVIE-START  Bert Rebhandl / Der Standard 20. Mai 2021

"Ordinary Creatures": Unterwegs an den Grenzen des Absurden

Hintersinnige Situationskomik: Das österreichische Roadmovie führt Lachhaftes und Erhabenes zusammen

Die Liebe ist gerade etwas aus dem Takt. So sieht es zumindest Martha (Anna Mendelssohn mit Joep van der Geest) in "Ordinary Creatures".

Für ein Roadmovie ist Österreich eigentlich zu klein. Zwar sollen schon Leute von Scheibbs nach Nebraska gekommen sein, aber das geht nur mit der Entgrenzung, die ein guter Song oder ein guter Schmäh mit sich bringt. Oder ein sehr guter Film. Ordinary Creatures von Thomas Marschall wurde in Niederösterreich und in der Gegend von Znaim (Znojmo) gedreht, führt also gewissermaßen eher von Hollabrunn nach Chvalovice als von Scheibbs nach Nebraska. Wenn man aber jemandem erzählen sollte, wo der Film spielt, dann könnte man antworten: überall und nirgends, an der Grenze zum Absurden, in der Weltprovinz des Kinos.

Die Ortlosigkeit beginnt damit, dass die zwei Menschen, die in einem roten Volvo-Kombi durch die Gegend fahren, Englisch miteinander sprechen. Martha und Alex. Seine Muttersprache scheint Niederländisch zu sein, das kann man aus einem Telefonat mit seiner Mutter schließen. Zu Marthas Muttersprache gibt es keine Hinweise. Alex ist Schauspieler, bekommt aber zurzeit nur Aufträge für Hühnergeschrei. Martha ist Bloggerin, hat auf der Fahrt aber keinen Rechner dabei. Vielleicht ist das ja eine Art Paarurlaub. Oder ein therapeutischer Ausflug, denn die Liebe ist, so meint es jedenfalls Martha, gerade ein bisschen aus dem Takt.

Ohne Hektik

Man kommt zwischendurch immer wieder ins Spekulieren bei Ordinary Creatures. Das liegt daran, dass Thomas Marschall die ganze Geschichte höchst kunstvoll in der Schwebe hält. Es gibt zwar so etwas wie einen Spannungsbogen. Der hat damit zu tun, dass ein Hunderl namens Jacky O. unter die Räder des Volvos gerät, woraufhin sich ein grimmiger Mann (im Abspann als Grrrumpy Hunter bezeichnet) aufmacht, Alex und Martha zu verfolgen. Hektik kommt in diesem Film selten auf, am ehesten noch bei einer typischen Paarsituation, nämlich beim Aufgeben einer Bestellung bei einem Drive-through-McDonald’s irgendwo in der Pampa. Martha zeigt sich da von der komplizierteren Seite, das üppige Mahl regt dann aber den Geschlechtstrieb an.

In jeder Szene wartet Thomas Marschall mit einer Fülle von Ideen auf, ohne dass er jemals Druck machen würde: Ordinary Creatures entwickelt sich mit der Gemächlichkeit, die auch den "gewöhnlichen Tieren" eignet, die zwischendurch immer wieder zu sehen sind: Schnecken, Käfer, Schleimspurviecherl. Die Situationskomik bleibt hintersinnig, auch dann, wenn aus dem Nichts eine Eternal Eve auftaucht, die Alex und Martha zuerst zum Nacktbaden und dann zu tendenziell entwürdigenden Hippie-Ritualen verführt, bevor die flüchtige Bekanntschaft in einem Eklat endet.

Spuren des Wilden

Marschall hat das Drehbuch zu Ordinary Creatures gemeinsam mit der Performancekünstlerin Anna Mendelssohn geschrieben, die auch eine der beiden Hauptrollen spielt. Man kann nur andeuten, was da alles an Hintersinn sehr weit nach hinten in den Bedeutungsregistern des Films verräumt ist, also in den Bereich, den in der Natur die meist übersehenen Tiere bewohnen, auf die der Titel anspielt. Allein schon die Spuren des "Wilden", die so gar nicht in die meistens recht aufgeräumt wirkende Nutzlandschaft passen, die Alex und Martha durchqueren. Plötzlich sitzen sie dann in einem Restaurant im Safaristyle, in dem eine Stewardess bedient, die keine Silbe von sich gibt.

Der großartige Soundtrack von Jorge Sanchéz-Chiong und die originelle Auswahl an Songs erzählen die Geschichte auf ihre Weise auch immer mit, lassen sie ab und zu regelrecht pathetisch werden, dann aber auch wieder seltsam stimmig. Einmal nehmen Alex und Martha eine Fähre über einen Fluss, dazu ist ein Volksmusikchoral zu hören, der ein Lied vom Überführen singt. Das ist schon fast ein Todeszeichen, das Alex aber mit einem peinlichen Handy-Casting durchkreuzt. Das Lächerliche gilt als der Todfeind des Erhabenen. Wenn sich aber ein Film so brillant genau dazwischen zu bewegen weiß wie Ordinary Creatures, dann steht einem grenzenlosen Vergnügen nichts im Weg. (Bert Rebhandl, 20.5.2021)

„Ordinary Creatures“:  Waldheimat als intellektueller Thriller

Simon Hadler, ORF Online, 26.10.2020

Was für ein Roadmovie durch die Landschaft entlang der tschechisch-österreichischen Grenze – sinnlich-intellektuell, blöd und chaotisch kabbelt ein Paar vor sich hin und fährt ins Irgendwo. Aber auch ein Thriller ist dieser kleine, formidable Film von Regisseur Thomas Marschall.

Marschall, Jahrgang 1974, ist Kulturanthropologe, Kameramann und Dokuregisseur an der Schnittstelle zwischen Kunst, Film und Wissenschaft. Nun hat er sich dem Spielfilm zugewandt. Beglückenderweise, darf man sagen, denn „Ordinary Creatures“ hat viel von der Lässigkeit und popkulturellen Anmut von Independent-Filmen in den 70er Jahren, wo formale Anarchie (nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit), noch ein Hauch von Nouvelle Vague und die Debattierwut der Sponti-Szenen von Paris über Wien bis Rom aufeinandertrafen.

Formal ist „Ordinary Creatures“ ein Roadmovie entlang der tschechisch-österreichischen Grenze – und gleichzeitig ein Film, der ohne verbindliche Orte auskommt, eine ortlose Geschichte im eigentlichen Sinne, die irgendwo, einem Märchen gleich, in einer waldigen Landschaft mit ein paar Kleinstädten drinnen spielt, gleichsam die filmische Umsetzung von Donald Trumps Bild von Österreich („Waldstädte“).

Herrlich verspult

Ein Paar fährt, diskutiert wild herum, ein Hund kommt zu Tode. Der Hundebesitzer folgt den beiden fortan mit dem Plan, sich blutig zu rächen. Seine Verfolgung bildet den dramaturgischen Bogen. Das Paar fährt weiter, hat wilden Sex im Wald und Auto, diskutiert existenzielle Fragen von Familienzugehörigkeit, Religion, Kinderkriegen. Das lässt sie nicht kalt – und auch nicht das Kinopublikum: Der Film ist eine emotionale Achterbahn, er ist sinnlich, farbgewaltig und insgesamt bildgewaltig – der alte, rote Kombi im sattgrünen Wald ist ein permanenter Eyecatcher.

Die Konversationen des Paares sind herrlich verspult, mal gescheit, mal blöd, mal emotionsgeladen. Die beiden eint eine große Liebe – aber eine Liebe mit vielen Fragezeichen, die stellvertretend für gesellschaftliche Verwerfungen der heutigen Zeit sind. Was ist progressiv? Was konservativ? Musik und Ton verstärken die sinnliche Ebene.

Die ganz normalen Kleintierchen

Der Rhythmus der Schnitte treibt durch den Film, ganz so, wie das sein soll, aber allzu oft nicht funktioniert. Auch hier werden alle Möglichkeiten des Kinos ausgeschöpft, wie beim ebenfalls auf der Viennale gezeigten „The Trouble With Being Born“. Denn die Geschichte wird auf einer ganz eigenen, zweiten Ebene auch visuell erzählt. Hier kommen die Kleintiere ins Spiel, die titelgebenden „Ordinary Creatures“. Eine Empfehlung.

Thomas Marschall: Ordinary Creatures – Geniestreich eines Spielfimdebüts

Thomas Taborsky, Die Furche 20.05.2021

Sie müssten etwas tun, hätten eine Verantwortung gegenüber den Lebewesen, sehnt sich Martha nach einer besseren Welt; da hat sie gerade unwissentlich einen Käfer überfahren. Bald kommt im doppelbödigen Geniestreich „Ordinary Creatures“ noch ein Jagdhund dazu. So spärlich das Spielfilmdebüt des Österreichers Thomas Marschall in seiner Erzählung ist, so reich ist es an Einfällen und Fundstücken. In einem alten, roten Kombi lässt Thomas Marschall ein ziellos reisendes Paar zu Nicht-Orten und Zwischenräumen gelangen, in ganz alltägliche und dann doch wieder abwegige Situationen kommen. Im Auf und Ab einer kriselnden Beziehung besuchen sie Schnellrestaurants und Tankstellen, kampieren im Wald oder diskutieren in Hotelbetten. Und haben dabei einen Verfolger. Nicht nur dessen Inszenierung ist denkwürdig, auch die Kameraarbeit von Martin Putz ist es. Die Schönheit, die sie in unserer nicht wahrgenommenen Umgebung erfasst, will unbedingt auf einer großen Leinwand gesehen werden.

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Anna Mendelssohn: Der innere und äußere Klimawandel

Duygu Özkan, 29.8.2018

Performance. Mit ihrem Stück „Cry Me A River“ tritt die Künstlerin Anna Mendelssohn zwar mit einem Monolog, aber mit vielen Stimmen auf. Ihr Werk zeigt dem Publikum die kleinen und großen Seiten des Umweltthemas.

Anna Mendelssohn wird viel weinen. Das hat unter anderem mit den Gletschern zu tun, den realen Gletschern auf den Bergspitzen, die der Klimawandel langsam dezimiert, und dem inneren Gletscher, der ebenfalls dahinschmilzt. Der innere Eisberg ist für Mendelssohn eine Analogie für schwierige Zeiten, für Krisen und Depressionen, Zeiten, „in denen man emotional auf Eis geht“. „Cry Me A River“ heißt denn auch folgerichtig das Stück der Performerin, das sie am heutigen Dienstag im Elisabeth-Herz-Kremenak-Saal, bei der Eröffnung der Alpbacher Wirtschaftsgespräche, zeigen wird.

Die Künstlerin hat ein wortgewaltiges Stück über den Klimawandel verfasst, es ist ein Monolog, ohne jedoch eine einzige Stimme zu repräsentieren. Vielmehr hat Mendelssohn Töne, Thesen und Kontroversen zum Klimawandel intensiv gesammelt und wirft sie nun assoziativ in den Raum. „Es ist ambivalent“, sagt sie, „das Stück gibt viel Gesprächsstoff her.“ An „Cry Me A River“ als Darstellung des äußeren und inneren Klimawandels arbeitete Mendelssohn ab dem Jahr 2008, zu einer Zeit, als das Umweltthema nicht flächendeckend diskutiert worden sei. „Im Radio habe ich davon gehört. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was da eigentlich genau passiert.“ Gleichzeitig ging die Künstlerin durch eine persönliche Krise, weinte viel. So hat sich schließlich der Kreis geschlossen.

Seit der Premiere 2010 zeigte Mendelssohn das Stück bereits auf mehr als 60 nationalen und internationalen Bühnen. Der Auftritt in Alpbach werde deswegen interessant, „weil hier doch viele Leute sind, die nicht oft mit so einer Aufbereitung dieses Themas konfrontiert werden.“ Bislang bestand ihr Publikum aus Menschen, die sich ohnehin mit diesem Thema beschäftigten, die ihr kaum widersprochen haben. Ob sie sich vorstellen könne, vor Klimawandel-Leugnern aufzutreten? „Sofort.“

Wie die inneren und äußeren Kämpfe ist das Stück auch eine Darstellung der Ambivalenz und Verschränkung der großen und kleinen Schritte, die Menschen gegen den Klimawandel setzen oder nicht setzen. Im Kleinen, erzählt sie, wisse man ja, was man tun muss, um zum Beispiel gesund zu bleiben oder abzunehmen. Rad fahren, wenige fette Gerichte essen.

„Dann gibt es die großen Themen da draußen, und man hat das Gefühl, man kann gar nichts tun.“ Dabei führt ja das Kleine zum Großen.

Das beginnt bisweilen bei der Frage: Soll ich fliegen oder kann ich Zug fahren, um die Umwelt zu schonen? Mendelssohn hat für sich beschlossen, möglichst auf die Fliegerei zu verzichten. Bisweilen kam sie in die paradoxe Situation, zu einem Klimagipfel zu fliegen. „Ein Widerspruch. Andererseits sind die Konferenzen ja notwendig.“

Wenn Rechte linke Themen besetzen

Das Assoziative in ihrem Wirken haben Mendelssohn gewissermaßen ihre Eltern mitgegeben: Der Vater Psychoanalytiker, die Mutter Schauspielerin: „Ich habe beides kombiniert“. Zunächst studierte sie Psychologie, anschließend Schauspielerei in Großbritannien. Seit 15 Jahren wirkt Mendelssohn in der Theatergruppe Toxic Dreams mit, dessen Leiter, Yosi Wanunu, „Cry Me A River“ auch mitgestrickt hat.

Ganz gleich, welche Themen Mendelssohn in ihre Stücke verwebt, die Meta-Ebene ist und bleibt der Dialog. Wie reden Menschen miteinander (zum Beispiel über den Klimawandel)? Wie übereinander?

Derzeit werkelt sie an einem Stück über Meinungsfreiheit und Wahrheit, da spielt Trump genau so hinein, wie die sogenannten alternativen Fakten. „Die Rechten haben linke Themen für sich in Beschlag genommen“, resümiert Mendelssohn. Die Redefreiheit war schließlich eine eindringliche Forderung von Links, heute aber sei vom rechten Spektrum zu hören: „Wir möchten sagen können, was wir sagen wollen!“ – während die Linke darauf verweist, dass man eben doch nicht alles sagen dürfe. Political Correctness! Wer hat also recht? Und wer hat die Wahrheit? Gute Fragen für die Kunst also, aber nicht nur für sie.

Kunstfestpiele: So inszeniert Anna Mendelssohn solo eine Klimakonferenz

Hannover, Neue Presse, 25.05.2018

Sie sitzt allein am langen Konferenztisch. So bleibt es auch. In ihrer preisgekrönten Solo-Theater-Performance „Cry Me A River“ schlüpft die österreichische Schauspielerin und Performerin Anna Mendelssohn bei den Kunstfestspielen Herrenhausen im Galeriegebäude in diverse Rollen und spielt eine internationale Klimakonferenz als konstruierten Monolog. Ihr Werk spielt sie komplett auf Englisch. Übertitel gibt es keine.

Die gebürtige Wienerin, die ihre Schauspielausbildung in Großbritannien absolvierte, spricht hervorragend Englisch und arbeitet mit verschiedensten Sprechweisen, differenzierten Betonungen und Sprachtempi. Dabei gibt sie originale Äußerungen, Stimmen und Meinungen von Politikern, Wissenschaftlern, Aktivisten und anderen, in deren Rhetorik zum Thema Klimawandel, wieder. Diese verwebt sie mit autobiographischen Betrachtungen und Emotionen. Sie sagt: „Irgendwann begann ich zu weinen. Und das ging monatelang so weiter.“ Und sie beginnt tatsächlich zu weinen. 

Auch Stille und Innehalten setzt sie ein. Ebenso Musik zur Untermalung einiger Monolog-Passagen und für eine Tanzeinlage. Mendelssohn zeigt unter der Regie von Yosi Wanunu den globalen politischen Diskurs über die sich anbahnende Klimakatastrophe und verbindet ihn permanent mit ihren individuellen, privat-persönlichen Leben.

So entwickelt das Stück schnell einen Sog. Faszinierend, wie sie die unterschiedlichen Charaktere spricht und Mimik und Gestik darauf abstimmt. Und sie sagt schonungslos, was passiert, wenn die Temperaturen auf dem Planeten steigen. „ Alles ist so viel komplizierter, als man denkt. Es gibt Millionen von Fäden, die mit jeder einzelnen Entscheidung, die man trifft, verbunden sind.“ sagt sie. Die immense Komplexität der Welt macht sie ihrer Performance exzellent und eindringlich deutlich. Langer, kräftiger Applaus der gut 80 Zuschauer.

"Amazon – River Deep": Aus dem Bauch des Molochs HELMUT PLOEBST,

Der Standard 27. Oktober 2016, Anna Mendelssohn im Tanzquartier Wien

Sophie ist kaufsüchtig. Gut für sie, dass es die Sitzungen der anonymen Shopaholiker gibt. Besser noch für das Publikum des Tanzquartiers Wien, dass dort die brillante Wiener Performerin und Schauspielerin Anna Mendelssohn in ihrem neuen Solostück Amazon – River Deep den Irrwitz dieser Sucht zu einem wahren Gänsehauterlebnis macht. foto: tim tom Performerin Anna Mendelssohn. Im Sesselkreis mit Mendelssohn als Sophie und deren Leidensgenossen Jerome – Yossi Wanunu, er hat am Text mitgearbeitet und zeichnet auch für die Regie – ist zu erfahren, woher eine solche Sucht kommen kann. Sophie zum Beispiel saß an der Quelle: Sie gehörte zu den ersten Mitarbeiterinnen bei amazon.com. Aber das erfährt man erst später in Mendelssohns rund einstündigem englischsprachigen Monolog, dem Bericht einer Abhängigen, die ihre Flucht in den Dschungel plant. Als Amazon 1994 gegründet wurde, gab es noch den Idealismus für weltweites Kommunizieren, Teilen und Handeln. Auch davon erzählt Sophie. Sie schildert, wie man bereits 1989 im Blick haben konnte, dass weniger die Wiedervereinigung Deutschlands die Welt verändern sollte, sondern Tim Berners-Lees Hypertext-Code. Was der britische Informatiker damals am Cern zu entwickeln begann, bildet die Grundlagen des heutigen Internets. Amazon – River Deep kommt am Beginn des Katzenjammers. Aus dem erträumten Austausch aller mit allen ist ein finsterer Moloch geworden, in dem Krieg herrscht, der alles und jeden zu manipulieren sucht. Sophie gehört zu jenen, die für die Mithilfe bei der Aufzucht dieser Realdystopie ihr Privatleben geopfert haben und deren Kaufsucht nun eine Kompensation darstellt. Dabei formuliert Mendelssohn keine Anklage, sondern die überzeugende Skizze eines globalen Problems. 

Twist im Tanzquartier, Hiphop bei den Festwochen

HELMUT PLOEBST, DER STANDARD, 26. Mai 2013, 18:28

Anna Mendelssohns "What?" im Tanzquartier Wien.


Aufführungen von Anna Mendelssohns "What?" und Bruno Beltrãos "Crackz (Dança morta)"

Wien - Das berüchtigte Beziehungsgespräch, Schrecken aller Zweisamkeit. Anna Mendelssohn und Joep van der Geest zogen es durch: brillant und gnadenlos im TanzquartierWien bei der Uraufführung von Mendelssohns jüngstem StückWhat?.

Die tanzaffine Wiener Performerin hat damit nach ihrem preisgekrönten Solo Cry Me A Rivereine weitere virtuose Sprachchoreografie vorgelegt. Und nach "art for a lonely heart" ein zweites abgründiges Zwiegespräch, diesmal mit Van der Geest auch einem kongenialen Schauspielerpartner.

Nur einmal werden die beiden, die einander auf Stühlen gegenübersitzen, laut. Ansonsten herrscht gespannte Contenance. Der Dialog ist ein Loop, ein Tanz: Ein Mann und eine Frau hassen einander dafür, dass sie nicht voneinander lassen können. Aus ihrem intimen Wissen machen sie gnadenlose Machtpolitik. Ein Schritt vor, nachhaken, ablenken, zugreifen, ein halber Schritt zurück, loslassen, zustechen. Zu einem Psycho-Slasher dieser Art gehört auch, dass die Sprache des Gegenübers in Echtzeit durchleuchtet und sofort desavouiert wird. In atemberaubender Geschwindigkeit, kein Zögern, kein Stottern. Hin und wieder ein bisschen Musik, ein kleiner Twisttanz, machen die Atmosphäre noch unheimlicher.

Mendelssohn, die im Oktober im TQW ihre nächste Arbeit zeigen wird, und Regisseur Yosi Wanunu sorgen dafür, dass die beiden einander in diesem Toten-Twist der romantischen Liebe nichts schuldig bleiben.

Tagesanzeiger

ZÜRICH, 14.02.2012

Von Alexandra Kedves

In der Krise blüht das Theater der neuen Dringlichkeit

Das Theater hat sich von Fun und Trash verabschiedet. Stattdessen werden Dokumente und Diskurse auf die Bühne gebracht: Die Politik ist zurück.

Plötzlich Stille. Schweigen. Eben noch plauderte die junge Frau munter über ihre Arktisexkursion. Doch jetzt ist ihr Gesicht eingefroren. Nur in ihrer Kehle rührt sich was: ein dicker Kloss, in dem ein grosses Klagen steckt. Er steigt, sie schluckt. Er steigt, sie schnieft, schmiert sich den Tränenstift unter die Augen – und langsam rollen Tränen: künstlich fabrizierte Tränen; aber nichts ist authentischer als dieses Spiel. Sie schluckt noch einmal, das Gesicht eine Maske aus Eis. Eine Erinnerung an die Arktis, wo es taut.

Dann sind sie vorbei, die längsten und schmerzlichsten anderthalb Minuten, die ich im Theater seit langem erlebt habe; und die Frau sagt trocken: «At some point I began to cry.»Die Soiree «Cry Me a River» der 1976 geborenen Wienerin Anna Mendelssohn, eben in Zürich aufgeführt, ist eine politische Performance, die uns ganz privat berührt. Sie ist keine Predigt, keine Polemik, kein Theorie-saures Theatermenü, obwohl Anna Mendelssohn ihr den Untertitel «Eine Solo-Klima-Gipfelkonferenz» gegeben und alles zum Thema hineingepackt hat: Passagen aus einschlägigen Interviews, Klimakonferenzbeschlüsse, Zahlen, Fakten, Tipps zum Energiesparen, Gründe dafür. «Cry Me a River» ist engagiertes Theater – buchstäblich bis der Strom, das Licht ausgeht. Seit 2010 bringt die Performerin mit «Cry» ihr Publikum zum Heulen und zum Hinterfragen seiner Lebenspraxis – und Theaterjurys zum Preisevergeben: Ihre Arbeit ist ein Glanzstück im Haufen der aktuellen Produktionen, die sich um politische Relevanz bemühen.

Fast eine konservative Wende

Vom Fun-and-Trash-Taumel (der etwa um die Jahrtausendwende auch in Zürich fröhliche Urständ feierte) hat man sich verabschiedet; und auch das Fest des Fabuliertheaters hat, seit der «narrativen Wende», seinen Zenit überschritten. Lange Zeit hat man die politischen Qualitäten des postdramatischen Theaters vor allem darin gesehen, dass es einerseits die Funktionsweisen von Theater an und für sich freilegte und andererseits die Formen der Rezeption und Partizipation des Publikums thematisierte. Mittlerweile könnte man fast von einer konservativen Kehrtwende sprechen.

Allerdings nur fast: Ja, man hat auf den Bühnen die Bedeutung des Stoffes neu entdeckt und die Kraft des Dokuments. Und ja, Theater und Gesellschaft(skritik) werden wieder enger geführt. Zwar traut kaum einer dem Theater Revolution oder Weltrettung zu; aber als schillersche moralische Anstalt, die «mächtiger wirkt als todter Buchstabe», als «gemeinschaftlicher Kanal» (Schiller), in dem von Umweltschutz bis Umverteilung alles verhandelt wird, bekommt das Theater einen neuen Wert.

Aber: Man hat dabei die Lehren der derridaschen Dekonstruktion nicht vergessen; genauso wenig wie jene, die aus den Zeiten der Wiederbelebung der Lust – der Erzähllust, der Spiellust – stammen. Das Theater der neuen Dringlichkeit ist gleichzeitig (selbst)reflektierter und verspielter als frühere Fanfarenaufführungen oder Lehrstücke. Ein Tränenstift und die Frage, was der Einzelne zum Klimaschutz beitragen kann, gehören nun zusammen.

Krise als Chance – fürs Theater.

THEATER FESTIVAL IMPULSE -PRESSEMITTEILUNG, 2011:

Dietmar N. Schmidt-Preis für Anna Mendelssohn – „Cry Me A River

Wie rette ich auf jeden Fall die sich zerstörende Welt und finde nebenbei baldmöglichst den richtigen Vater meiner erhofften Kinder? Was, wenn dabei jede Gewissheit banal scheint, Hoffnung naiv wirkt und Engagement wie allfällige Gewissenspflege aussieht? Und wie kann es weitergehen, wenn selbst Emotionen zweideutig werden in dieser Spannung von wahr und falsch, von Politisch und Privat, von Nordpoltraum und Familienwunsch? Tränen sind dann womöglich nur noch Zitate von Gefühlen, salzige Flüssigkeit Marke Eigenbau im global erwärmten Meer.

In ihrem virtuosen Monolog trifft Anna Mendelssohn jederzeit den Ton, spielt eindringlich und leichthändig auf der Klaviatur von eigenen und geborgten Empfindungen. Präzise und wendig bewegt sie sich in einer mehrstimmigen Partitur. Tonlagen, Sprechhaltungen, Sprachen verschränken sich immer neu und immer originell, dazu kommen Toneinspielungen und Tanzversuche, die zu Detektoren von kleinen Lügen werden, aber auch zu Botenstoffen herangezogener Gefühle. So entsteht ein vielgestaltiges Gewebe der Bedeutungen, überlegt und berührend zugleich dank der reichen schauspielerischen Möglichkeiten von Anna Mendelssohn.

THEATER FESTIVAL IMPULSE: Performerin weint um die Polkappen 

Ruhr Nachrichten  08/07/11 14:04

BOCHUM Die Diskussion über das Welt-Klimaproblem ist längst im Theater angekommen. In einer derart persönlichen Herangehensweise wie bei Anna Mendelssohns „Cry Me A River“, das jetzt beim Theaterfestival Impulse zu sehen war, hat man den Themenkomplex allerdings noch nicht erlebt. Max Florian Kühlem

Anna Mendelssohn trat bei den Impulsen auf. (Foto: Kühlem)

Im prinz regent theater hält die Performerin eine Ein-Frau-Klimakonferenz in englischer Sprache ab. Das Publikum ist ihr Auditorium, vor dem sie am langen Tisch hemmungslos Privates und Politisches vermischt. Die Erderwärmung zu ihrem ganz eigenen Thema macht sie, indem sie ihrer Figur einen Inuit-Hintergrund verpasst, vom Leben in der Welt des ewigen Eises berichtet. Der Gedanke an das Schmelzen der Polkappen trifft sie dann so sehr, dass sie Weinen möchte, stundenlang. Wenn das nur beim Therapeuten nicht so teuer wäre!

Nur sechs Grad bis zur Eiszeit

Eindringlich beschreibt sie die irrsinnige Macht der menschlichen Gesellschaft, die mit einem Bruchteil ihrer Kräfte eine neue Eiszeit auslösen könnte: „Der Temperaturunterschied zur Eiszeit beträgt nur sechs Grad – wir haben in nur einem Jahrhundert schon ein Grad geschafft.“ Auch philosophische Betrachtungen mischt sie in ihre Text-Collage: Dann ist die Menschheit auf einmal nicht mehr nur die große Macht, die sich selbst auszulöschen vermag, sondern auch bloß ein flüchtiges Aufflackern in der unendlichen Geschichte des Weltalls.

Schonungslos ehrlich

Und gerade, weil Anna Mendelssohn nicht nur das Weltklima, sondern auch sich selbst zum Thema macht, erscheint ihre Performance so schonungslos ehrlich und berührend. So gesteht sie gleich am Anfang ein, dass ihr Lieblingsthema eigentlich sie selbst sei, dass ihr größtes Interesse im Erfolg im Job und in einer glücklichen Beziehung liege. Für das Weinen um die Polkappen braucht es da schon den Tränenstift, zu dem sie immer wieder greift. So wie die Performerin überhaupt ihre Mittel schonungslos offen legt, sich etwa mitten im Monolog eine verbrannte, sich in Fetzen vom Gesicht lösende Haut schminkt.

So zeigt sie die zwei Perspektiven auf, in denen der Mensch ein Leben lang verstrickt ist: die private und die gesamtgesellschaftliche. Ein Solo, das nachwirkt.

http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/bochum/Performerin-weint-um-die-Polkappen;art932,1341029

LAUDATIO ZU DEM JURYPREIS BEI

„ARENA, FESTIVAL DER JUNGEN KÜNSTE 2010“

Anna Mendelssohns Performance "Cry Me A River" überzeugte die Jury durch ihre eigene Stimmigkeit: Thema, Form und Haltung der Performerin beziehen sich angemessen aufeinander. Was sich auf engem Raum abspielt, ist eine humorvolle Tragödie auf komplexem Niveau: Eine Frau spricht einen Monolog über das Gletscherschmelzen und weint bio-engineert dazu. Kitsch und Ernsthaftigkeit verschmelzen und zeigen, dass letztlich die grosse Klimakatastrophe vielleicht doch weiter weg ist als der Konflikt mit der eigenen Mutter - und das vielleicht wirklich zum Weinen ist. Vollgespickt mit Zitaten wichtiger ProtagonistInnen aus dem Feld Umweltschutz und Klimadiskurs wählte die Performance geschickt das Setting einer Klimakonferenz, um nicht zuletzt das Überlagern und Verschwimmen der Meinungen im Strudel der Medien an sich selbst zu zeigen.      Von Corinne Maier