Anna Mendelssohn über „Piece For Person And Ghetto Blaster“ von Nicola Gunn

17. März 2018, TQW Magazin 2018

Wasser, Erde, Baum, Zweig, Schwimmen

Nicola Gunn war joggen in Ghent entlang des Kanals. Am Weg zurück stoppt sie um sich zu dehnen und sieht einen Mann der Steine ins Wasser wirft. Aber er wirft sie nicht ohne Grund, er zielt auf etwas, ein Plastiksackerl – nein, eine Ente. Der Mann hat zwei kleine Kinder, sie sammeln Steine und liefern ihm Munition um die Ente abzuschiessen. Nicola Gunn kann sich nicht beherrschen, sie schreit den Mann an: „What you are doing is completely unnecessary!“ 

Er versteht sie nicht, er spricht nicht Englisch, er ist kein Holländer, vielleicht ist er ein Flüchtling. Er schreit zurück, sie versteht ihn nicht. Warum bleibt die Ente einfach sitzen, während er Steine auf sie wirft? Weil sie brütet. Eine brütende Ente muss sitzen bleiben, 30 Tage lang, bis die Eier ausgebrütet sind. Nicola Gunn stoppt den Fluss ihrer Bewegung, gedanklich und körperlich, um die Position einer brütenden Ente einzunehmen. In Schottland gibt es mehr Statuen von Tieren als von Frauen. 

Was ist das für ein Mensch? 

Hercule Poirot ist ein Belgier. Agatha Christie läßt Hercule Poirot sterben. David Suchet spielte Hercule Poirot in der Fernsehserie, aber er will nicht sterben. Dennoch stirbt er fast an einem Herzinfarkt. Nicola Gunn’s Mutter ist auch fast gestorben. Mein Vater ist gestorben. 

Was ist das für ein Mensch, der eine brütende Ente mit Steinen bewirft? 

Auf einer Theaterkonferenz, bedankt sich die Kuratorin des Festivals bei den großartigen, aufstrebenden, jungen, experimentellen Künstlern. Nicola Gunn möchte auch ein besserer Mensch sein. Was wird uns an unserem Totenbett beschäftigen? Wie viele Soloperformances wir gemacht haben? Ob wir ein guter Mensch waren? Eine gute Mutter, eine gute Liebhaberin? Marina Abramovich hat keine Kinder daher muss sie um ihr Vermächtnis kämpfen. Nicola Gunn hat eine sehr religiöse Bankerfreundin die an das Gute und das Böse und die gerechte Strafe glaubt. Sie arbeitet für Shell.  

Zurück zur Gewalt am Kanal.

Wie kann man einen Konflikt lösen? Utopia ist kein Ziel, es ist ein Prozess. Kunst ist ein Zeitwort. Frieden – wie macht man etwas, von dem man nicht weiß wie man es macht? Künstler machen das die ganze Zeit. Nicola Gunn ist Künstlerin. Ich bin auch Künstlerin. Ich wäre gerne Nicola Gunn. Ich wäre gerne die Künstlerin Nicola Gunn, ich bin gerne Anna Mendelssohn der Mensch. Ich würde gerne so denken können wie Nicola Gunn, ich würde gerne so reden können wie sie und so schreiben und mich so bewegen, auf dem Publikum bewegen, kletternd, wälzend, schwitzend, spuckend und redend. Aber ich habe Kinder und ich bin froh, dass ich nicht so viel toure wie Nicola Gunn. Sie hat keine Kinder, sie mag Kinder auch nicht besonders. Aber sie mag Konflikt. Sie mag den Konflikt mit dem Mann am Fluss. Kinder bringen viele Konflikte. 

Soll man Konflikte lösen? Wie löst man den Konflikt mit dem Mann? 

Wie interveniert man zwischen der Ente und dem Mann? Was würde Marina Abramovich tun? Den Mann anstarren? Sich nackt in den Fluss zwischen den Mann und die Ente stellen? Peter Singer ist Vegetarier, Nicola Gunn ist auch Vegetariern. Hitler war auch Vegetarier. 

Wenn man den Mann davon abhält die Ente mit Steinen zu bewerfen, dann sucht er sich womöglich ein neues Opfer. Einen Menschen? Seine Frau? Seine Kinder? Vielleicht doch besser die Ente. 

Der Mann trifft die Ente am Kopf. Nicola Gunn will den Mann stoppen, er reagiert nicht auf sie, also schreit sie seine Kinder an. Eine fremde Frau, schreit und spuckt in einer fremden Sprache. Der Mann ist ein Flüchtling. Die Kinder werden in Therapie gehen müssen. Ich muss auch in Therapie gehen. Ich möchte Therapeutin werden und lernen wie man bei Konflikten richtig interveniert und was es braucht um Frieden zu schaffen. Äußeren Frieden und inneren Frieden. Kunst zu machen bringt keinen inneren Frieden. Ich will keine Künstlerin mehr sein. Ich bin nicht Nicola Gunn. Nicola Gunn ist eine Ente.

Es gibt einen Punkt, an dem man einen Strich ziehen muss zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Fiktion und Realität, Kunst und Leben, Anfang und Ende. Aber während du den Bleistift noch in der Hand hältst, hast du den Strich noch nicht gezogen.